Offener Brief: Digitale Teilhabe im Alter sichern – Jetzt handeln!

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Kretschmer,
sehr geehrte Damen und Herren,

unsere Gesellschaft digitalisiert sich mit hoher Geschwindigkeit. Für viele ist das ein Fortschritt. Für viele ältere Menschen jedoch ist es inzwischen eine tägliche Hürde.

Ich erlebe diese Realität nicht aus der Distanz, sondern Woche für Woche in meiner Arbeit vor Ort. In Rochlitz und Geringswalde biete ich regelmäßig Techniksprechstunden an – ehrenamtlich, niedrigschwellig und ohne Anmeldung. Die Nachfrage ist konstant hoch. Die Themen wiederholen sich: Onlinebanking, elektronische Patientenakte, QR-Codes, Ticketbuchungen, Sicherheitsfragen, Betrugsversuche.

Es geht dabei nicht um Komfort, sondern darum, am Alltag überhaupt noch teilnehmen zu können.

Eine Frau berichtete mir kürzlich, dass sie zwar körperlich in der Lage wäre zu reisen – es aber nicht mehr tut. Nicht aus Angst vor der Reise, sondern aus Angst vor der Technik: Onlinebuchung, digitale Tickets, QR-Codes. Diese Hürden führen dazu, dass Menschen sich zurückziehen, obwohl sie es eigentlich nicht müssten.

Das ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem.

Die Digitalisierung wird politisch vorangetrieben und zunehmend vorausgesetzt – in Verwaltung, Gesundheitssystem, Mobilität und Alltag. Gleichzeitig fehlen flächendeckend niedrigschwellige Unterstützungsangebote, die Menschen mit einer weniger technischen Sozialisation befähigen, mit diesen Anforderungen umzugehen.

Bestehende Programme wie Digitallotsen oder Technikbotschafter leisten wichtige Arbeit. Aus meiner praktischen Erfahrung heraus muss ich jedoch klar sagen: Sie erreichen bei weitem nicht alle, die Unterstützung benötigen – insbesondere nicht im ländlichen Raum.

Die Folge ist absehbar und bereits spürbar:

  • wachsende Verunsicherung
  • steigende Anfälligkeit für Betrug (z. B. Schockanrufe, Phishing)
  • soziale Ausgrenzung durch digitale Hürden
  • Abhängigkeit von Dritten oder kommerziellen Anbietern


Viele ältere Menschen wenden sich aus Mangel an Alternativen an Handyshops. Dort wird ihnen jedoch selten echte Hilfe zur Selbsthilfe angeboten, sondern primär verkauft.

Ich bin überzeugt: So darf digitale Transformation nicht funktionieren.

Was es jetzt braucht, sind flächendeckende, kommunal verankerte Techniksprechstunden für unsere älteren Mitbürger und Mitbürgerinnen.


Meine bisherigen Angebote zeigen, dass dieses Format funktioniert:

  • niedrigschwelliger Zugang ohne Anmeldung
  • individuelle Unterstützung im direkten Kontakt
  • Kombination aus Einzelberatung und kleinen Gruppen
  • konkrete Hilfe bei realen Alltagsproblemen


Doch aktuell basiert dieses Angebot weitgehend auf ehrenamtlichem Engagement. Das ist weder skalierbar noch langfristig tragfähig.


Ich schlage daher vor:

  • Aufbau eines landesweiten Modells für kommunale Techniksprechstunden mit verantwortlichen Ansprechpersonen
  • Start eines Pilotprojekts in Mittelsachsen
  • Finanzierung von festen Angebotsstrukturen statt ausschließlicher Abhängigkeit vom Ehrenamt
  • Schulung und Aufbau lokaler Ansprechpartner in den Kommunen
  • Nutzung bestehender Orte wie Bibliotheken, Bürgerbüros oder Gemeindezentren


Die Probleme sind nicht theoretisch und sie sind vor allem jetzt da.
Und sie werden sich mit zunehmender Digitalisierung weiter verschärfen.

Deshalb geht es nicht um die Frage, ob wir handeln sollten, sondern wie schnell wir es tun.

Ich lade Sie ein, mit mir und anderen Praktikerinnen und Praktikern aus der Region ins Gespräch zu kommen. Die Lösungen liegen nicht auf dem Papier – sie entstehen dort, wo Menschen täglich mit diesen Herausforderungen konfrontiert sind.

Digitale Teilhabe darf keine Frage des Alters oder des Wohnortes sein.

Mit freundlichen Grüßen

Christiane Scherch

Techniksprechstunde
Tel.: 0175/7486587
www.techniksprechstunde.info

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