Wenn Stille plötzlich laut wird – über Medienfasten, Kontrollverlust und das Wiederlernen von Fühlen

Nachts im Bett: Das Buch liegt aufgeschlagen neben mir, seit Tagen an derselben Stelle. Ich weiß, dass es gut ist. Ich weiß auch, dass ich es lesen will. Und trotzdem liegt das Smartphone in meiner Hand. Der Daumen scrollt fast automatisch. Nachrichten, Bilder, Fragmente fremder Leben. Nichts davon bleibt, aber alles davon hält mich wach.

Ich merke, wie ich eigentlich müde bin. Nicht nur körperlich, auch innerlich. Und genau in diesem Moment greife ich nicht zum Buch, sondern zum Bildschirm. Vielleicht, weil Lesen Nähe erzeugt oder einfach weil sonst die Stille etwas von mir will.

Ein paar Wochen später: Portugal. Ein Kamin, der leise knistert, kein gutes Netz, kein schneller Zugriff und kein Reflex, der mich irgendwohin zieht. Erst einmal ist da diese ungewohnte Stille im selbstgewählten Medienfasten. Dann ein Widerstand. Dann etwas, das ich lange nicht mehr gespürt habe: Zeit.

Ich bin Technikberaterin und ich arbeite täglich mit Smartphones, Apps, digitalen Lösungen und allem, was dazu gehört. Offline ist für mich meistens ein Wort, das ich nur benutze. Zusammen mit Susan Schröter veranstalte ich einmal im Monat das Technikcafé im Raum der Wünsche in Rochlitz. Ich erkläre anderen, wie Technik den Alltag erleichtern kann. Und ich meine das ernst. Technik ist nämlich nicht das Problem. Aber etwas ist dennoch schon lange in unserem Umgang mit ihr gekippt.

Ich habe gemerkt, dass ich kaum noch Leerlauf aushalte. Dass jede Lücke sofort gefüllt wird. Dass ich nicht mehr einfach da bin, ohne gleichzeitig irgendwo anders zu sein. Und dass mich das mehr verändert hat, als mir lange bewusst war.

Früher noch, in meiner Teenager-Zeit, da gab es Tastenhandys. Internet war nicht ständig verfügbar. Wenn ich gewartet habe, dann habe ich eben gewartet. Ich habe aus dem Fenster geschaut, Musik gehört, gelesen, geschrieben, gedacht, geträumt. Langeweile war nichts Negatives, es war nur ein Zustand. Und aus diesem Zustand heraus wurde ich oft kreativ.

Was haben wir damals ausgehalten, was wir heute sofort wegdrücken?

Heute spüre ich Medien inzwischen auch körperlich. Im Nacken und in den Augen zum Beispiel. Im Daumen, der scrollt, auch wenn es nichts mehr zu holen gibt. Und vor allem in dieser inneren Unruhe, die entsteht, wenn das Smartphone nicht greifbar ist. Eine Nervosität, die ich früher so nicht kannte.

Wenn ich bewusst offline bin wie beim Medienfasten, passiert etwas Merkwürdiges: Ich komme mehr im Moment an. Gleichzeitig tauchen Dinge auf, die ich sonst zuverlässig wegdrücke. Gedanken, die kreisen, Ängste, Gefühle, die manchmal keinen Namen haben. Erst fühlt sich das vor allem unangenehm an, fast bedrohlich. Und dann merke ich langsam, dass genau hier etwas liegt, das ich lange vermieden habe.

Vielleicht nutzen wir Medien nicht, um informiert zu sein, sondern um nichts fühlen zu müssen?

Diese Frage hat mich einfach nicht mehr losgelassen.

Ich habe begonnen, Medienfasten nicht als moralische Übung zu verstehen, sondern als Selbstexperiment. Bewusster Verzicht auf Smartphone, Nachrichten, digitale Hilfen und zeitweise auch die Rückkehr zu analogen Lösungen. Uhr statt Display. Atlas statt Navigation. Klapphandy statt Dauererreichbarkeit. Und dann schauen, was passiert.

Gerade jetzt, während einer längeren Auszeit, habe ich es radikaler ausprobiert. Knapp zehn Tage fast komplett offline. Mit der Option, im Notfall erreichbar zu sein. Kein dogmatischer Schnitt, aber ein klarer Rahmen.

Es war leichter, als ich dachte. Vielleicht, weil Urlaub. Vielleicht, weil der äußere Druck geringer war. Im beruflichen Alltag wäre das in dieser Form kaum machbar. Und trotzdem habe ich gemerkt, wie sehr mich allein das Gefühl entlastet hat, nicht erreichbar sein zu müssen. Nicht reagieren zu müssen. Nicht informiert zu bleiben.

Abende ohne digitale Impulse: Lesen, sich gegenseitig vorlesen, der Kamin, mit dem Hund spielen. Zeit haben für Dinge, ohne sie nebenbei zu optimieren. Nicht wissen, wann ein Laden genau öffnet. Sich überraschen lassen. Auch mal falsch fahren. Warten. Und merken, dass das Leben trotzdem passiert.

Gleichzeitig kam der Entzug: Dieses Gefühl von Kontrollverlust. Die Angst, etwas zu verpassen. Die Frage, ob man noch dazugehört, wenn man nicht teilnimmt. Diese Unruhe, die zeigt, wie sehr das Digitale Teil unserer emotionalen Regulierung geworden ist.

Früher habe ich vielleicht manchmal besser gespürt, wo Gefühle im Körper sitzen. Wann ich müde bin, wann ich Hunger habe, wann etwas zu viel wird. Heute merke ich, wie oft ich weitermache, obwohl mein Körper längst etwas anderes sagt. Das Smartphone übertönt vieles. Es macht es leichter, Signale zu ignorieren.

Medien sind nicht böse. Sie helfen mir zu organisieren, mich zu orientieren, in Verbindung zu bleiben, mich zu inspirieren. Ich will nicht zurück in eine idealisierte Vergangenheit. Aber ich sehe, dass Technik Teile von uns übernommen hat. Vor allem in der Art, wie wir mit Emotionen umgehen.

Die Grenze verläuft für mich dort, wo ich Medien nutze, um etwas nicht fühlen zu müssen. Wo ich mich wegmache. Wo ich Leere nicht mehr aushalte. Wo Stille beängstigend wird, statt fruchtbar.

Beim Medienfasten bin ich diesen Gefühlen nicht ausgewichen. Ich bin ein Stück bei ihnen geblieben und das sicher nicht immer souverän, aber lang genug, um zu merken, dass sie nicht gefährlich sind. Nur ungewohnt. Und vielleicht sogar notwendig.

Ich glaube, wir haben verlernt, mit uns selbst zu sein, ohne uns sofort abzulenken. Und ich glaube, das hat Folgen für unsere Konzentration, für unsere Beziehungen und für unser Gefühl von Lebendigkeit.

Deshalb schreibe ich diesen Text. Es soll keine Anleitung sein und beinhaltet auch keine Lösung. Es ist nur eine Einladung. Zum Innehalten und vielleicht auch Ausprobieren. Zum ehrlichen Blick auf den eigenen Umgang mit Medien.

Ich arbeite mit Technik. Ich liebe sie. Und ich versuche gleichzeitig, den negativen Seiten etwas entgegenzusetzen. Für mich und für andere.

Wenn du Lust hast, dich diesen Fragen nicht allein zu stellen, lade ich dich ein zur Veranstaltung „Offline verbindet die Welt“ am 27. Mai im Raum der Wünsche in Rochlitz. Es geht nicht um Verzicht um jeden Preis und ist mit Sicherheit kein Technik-Bashing. Lasst uns vielmehr gemeinsam erkunden, was passiert, wenn wir uns wieder mehr spüren.

Vielleicht beginnt Veränderung nicht mit besserer Technik, sondern einfach mit der Bereitschaft, Stille wieder auszuhalten.

Ich freue mich euch zu sehen!

Eure Christiane
www.techniksprechstunde.info

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